Predigt zu Palmsonntag (14.04.2019)

Kanzelgruß
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Amen.

Liebe Gemeinde,
müde sein, das kennt ein jeder. Es gehört zu unseren alltäglichen Erfahrungen. Spätestens Abends greift die Müdigkeit nach einem, manchmal auch schon etwas früher. Anflüge von Müdigkeit treffen den ein oder anderen auch schon ab Mittag oder Nachmittag.
In der Gegend aus der ich komme spricht man gern vom „Schnitzelkoma“. Interessanterweise befällt es auch den ein oder anderen Vegetarierer oder Veganer, wurde mir einmal zugetragen.
Manchmal passiert es sogar noch früher, wie ein Lied von Peter Maffay erzählt „manchmal bin ich schon am Morgen müd’“.

Müde zu sein ist menschlich, ist normal, selbstverständlich, und auch wichtig. Es zeigt uns unsere Grenzen auf, es mahnt zur Erholung.
Es macht einen großen Unterschied, wovon ich müde werde. Eine lange Wanderung durch unsere schöne Landschaft, ruft eine ganze andere Müdigkeit in mir hervor als ein voller Arbeitstag, an dem ich von Aufgabe zu Aufgabe gehetzt bin.

Wer müde ist, schweigt. Wer müde ist, möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Wer müde ist, zieht sich zurück.

Mit den Müden zu reden ist deswegen oft sehr mühsam. Für die Müden da sein zu wollen, kostet Kraft. Einen müden Menschen wieder aufrichten zu wollen, kann selber müde machen.
Genau das ist die Aufgabe, die in unserem heutigen Predigttext jedoch als erstes gestellt wird. Nur wird es hier ein wenig anders gesagt. Der Blick gilt hier nicht der Aufgabe, sondern dem Mittel, mit dem sie angegangen werden soll. Man würde hier heute von einer ressourcenorientierten Perspektive sprechen. Nicht das Problem steht im Mittelpunkt, sondern die Mittel, mit denen es angegangen wird.

So wollen wir auf den heutigen Predigttext hören:
4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich wei?, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Entstanden ist der Text wohl um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr.
Zu dieser Zeit befand sich das Volk Israel im Exil in Babylon , der Tempel und Jerusalem lagen in Trümmern. Das Volk ist müde. Müde davon, fernab der Heimat zu leben, vom Leben in der Fremde.
An dieses Volk richtet sich der Text zuerst.
Ihm soll geholfen werden. Ihm soll wieder Mut zugesprochen werden.
„Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“

Dafür braucht es jedoch mehr, als nur eine Zunge.
Es braucht auch die richtige Zeit.
Was es weiterhin braucht, erzählt der Predigttext.

„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“
Auch das Hören ist wichtig. „Hören wie ein Jünger“. Es ist wichtig, dass er zuhört. Er muss wissen, was die Menschen müde gemacht hat, damals wie heute.
Ein Sprichwort sagt: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“.
Ich glaube, es beschreibt nicht einmal die halbe Wahrheit. Sicherlich ist Reden gut, und Schweigen manchmal besser.
Hiob und seine Freunde, sind hierfür ein schönes Beispiel.

In seiner Not wird Hiob von seinem besten Freunden besucht. Sie erkennen ihn kaum, erkennen jedoch seinen Schmerz, und setzen sich zuerst schweigend sieben Tage und sieben Nächte zu ihm.
Ihre Reden sind dann jedoch, sagen wir einmal diplomatisch, wenig überzeugend und schon gar nicht heilsam. Am Ende des Buches muss Gott selbst sie gar zurechtweisen .

Aber Reden und Schweigen sind nichts, ohne einen anderen Menschen.
Das zeigt diese kurz angerissene Erzählung. Selbst im Schweigen, sind die Freude für Hiob da. Selbst im Schweigen, sind sie eine Gemeinschaft, vielleicht sogar noch mehr als im Reden danach.
Gemeinsam im Angesicht eines Unglücks schweigen, hilft manchmal mehr, als es viele Floskeln tun.
Hier geht es aber noch um mehr als nur Schweigen, es geht um das Zuhören.
Es geht um das „Zuhören wie ein Jünger“, übersetzt, das Zuhören wie jemand, der sich in der Nachfolge befindet. Das besonders aufmerksame Zuhören, dass nicht allein passiv bleibt.

Im nächsten Vers tritt dann auch wieder Gott direkt in Erscheinung.
Die Person, die in dem Text beschrieben wird, sagt: „Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet.“
Er war es persönlich, er hat mir diese Gabe gegeben, er hat mich dazu berufen.

Damit erfahren wir mehr und haben bereits ein erstes kleines Bild.
„Jeden Morgen weckt Gott mir das Ohr. Er holt mich aus dem Schlaf, damit ich hören kann. In diesem Moment ist mir Gott ganz nah. Ich spüre seine Wirksamkeit direkt an mir. Gott schenkt Gehör, damit ich meine Mitmenschen hören kann, und er gibt mir die richtigen Worte, damit ich weitergeben, was er mir auftrug – Hoffnung und Kraft für Müden. Die soll ich ihnen bringen.“

Eine schöne Aufgabe, eine erfüllende Aufgabe, und augenscheinlich auch mit Leidenschaft umgesetzt.
„Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück“.
Der Satz wirft Fragen auf.
Vor was sollte er zurückweichen? Vor der Aufgabe, vor den Folgen der Aufgabe? Passiert hier noch mehr?
Bereits das Wort Leidenschaft kündigt indirekt die Kehrseite an. Hier tritt etwas auf die Bühne, das Leiden-schaft.
Die nur allzu deutliche Kehrseite tritt hervor.

„6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Diese Wende des Textes trifft wie ein Schlag. Der Mensch dort ist „nicht ungehorsam“, was ihn hier trifft ist keine Strafe, weil er etwas „falsch“ gemacht hat.
Er setzt sich offensichtlich für seine Mitmenschen ein, überbringt ihnen sogar die tröstenden Worte Gottes, aber anstatt Dank, richtet sich nun Hass auf ihn. Wir erfahren nicht von wem der Hass ausgeht.
Sind es die Getrösteten?
Wiegt ihr Müdigkeit, wiegt ihr Kummer, so schwer, dass sie keinen Trost mehr ertragen können?
Das Müdigkeit in Frust und Aggression umgeschlagen sind?

Tröstende Worte können manchmal wirklich unerträglich wirken.
Wenn meine Enttäuschung so tief sitzt, dass ich keine Hoffnung mehr spüre.
Wenn ich so bitter geworden bin, dass mir jeder Trost nur noch als bloße Vertröstung erscheint, oder gar als Spott.
Jedenfalls entzieht sich der Gottesknecht hier nicht, er erträgt, was ihm angetan wird.

Er setzt sein Vertrauen ganz auf Gott.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.“
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.
Schon früh hat das Bild des gerechten Leidenden, wie er uns hier bei Jesaja begegnet, der Christenheit geholfen das Leiden und Sterben Jesu zu verstehen. Den Gottesknecht, so wird die Person allgemein genannt, die bei Jesaja angekündigt wird, sahen sie in Jesus.
Jesus der sprach: „Kommt her zu mir alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ .
Die Müden bekommen hier neue Kraft, neuen Mut, das Leben mit Gott zu wagen, indem sich Gott ihnen in Jesus zu erkennen gibt. Nicht die Menschen kommen zu Gott, dieser kommt, als Mensch, zu ihnen. Es bleibt jedoch nicht beim Reden und Zuhören. Es geschieht mehr!.
Lukas überliefert die Antwort, die Jesus, auf die Frage wer er sei, gibt. Er lässt seine Taten für sich sprechen. Er sagt:
„Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hier gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird die Gute Nachricht [das Evangelium] verkündet.“
Hier geht es um mehr.
Modern gesprochen, es wird ganzheitlich die Müdigkeit bekämpft, nicht ausschließlich mit Worten, nicht ausschließlich die Psyche wird angesprochen. Es wirkt sich auch auf den Körper auf. Die Welt wird ein Stück weit heiler, wo es gewollt ist.

Es ist ein kleiner Ausblick des Heilwerdens in der Passionszeit und am heutigen Palmsonntag. Es soll heute erinnert werden an Jesu Einzug in Jerusalem. Als er die Stadt betritt, sind die Menschen von ihm so begeistert, dass „sie Palmzweige nahmen und ihm entgegen gingen, sie riefen dabei: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!“
Hosianna – Hilf doch, hilf uns doch. Der Ruf ist klar und deutlich. Hier mischen sich Hilfeschrei und Begeisterung. Jesus wird begrüßt, wie ein König.
Haben sie von seinen Wundern gehört? Hoffen sie, dass er ihre Müdigkeit bekämpft? Dass er sie aus der Unterdrückung der Römer befreit?
Darüber erhalten wir keine Information, es bleibt ein Geheimnis. Kein Geheimnis ist hingegen, dass es nicht so begeistert weitergeht, wie es angefangen hat.

Wir wissen das in Hinblick auf die Karwoche, die nun vor uns liegt.
Karwoche, das heißt übersetzt: Kummerwoche.
Sie führt ans Kreuz. Diejenigen, die auf der Straße noch „Hosianna“ riefen scheinen so müde zu sein, dass sie nicht mehr getröstet werden können und nur ein paar Tage später riefen sie „Kreuzigt ihn“. Kreuzigt den, den wir wie einen König in allen Ehren empfangen haben,
Das Erinnern an Jesu Weg zum Kreuz liegt in der kommenden Woche vor uns und damit auch sein Weg in den Tod. Zur gleichen Zeit auch geht dieser Weg jedoch unendlich weit darüber hinaus. Seine Zusage gilt weiterhin: „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Die Predigt ist hier auch als mp3-Datei verfügbar