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Predigt 4.Trinitatis (14.7.2019)

  • von

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

„Ganz wie der Vater“ oder auch „ganz wie die Mutter“.
Wer von uns hat einen solchen Satz noch nie gehört?

Oft wissen wir auch, „Ganz wie der Vater oder die Mutter“, das trifft es nicht so ganz.
Dieser Satz kann zu zwei Seiten hin falsch verstanden werden.

Auf der einen Seite ist jede und jeder doch immer ein eigenständiger Mensch, kann also nie „ganz wie der Vater oder die Mutter“ sein.
Auf der anderen Seite wissen wir auch:
manchmal reichen solche Ähnlichkeiten weiter zurück.
Die Großeltern oder die Urgroßeltern trugen auch schon manche Züge,

die man hier nun an dem Sohn oder der Tochter,

bzw. den Enkeln oder auch Urenkeln wiedererkennt.

„Ganz“ wie der Vater/Großvater, die Mutter/Urgroßmutter, ist man dann zwar noch nicht, aber bestimmte Dinge übernimmt man. Es wächst eine kleine oder große Tradition.

Da treten die Kinder zum Beispiel in die Fußspuren der Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern.
In Bad Berleburg wurde mir diese Verbundenheit auch an den Hausnamen deutlich, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, oft zusammen mit den Geschichten zum Haus, oder seinem Erbauern.

Ähnlich ist es mit manchem Familienbetrieb.

„Familienbetrieb in der zweiten oder dritten Generation“, so war es bei der Firma, bei der ich einst meine Ausbildung begann,
so ist es auch mit der Firma im Raum Bielefeld, die nach dem plötzlichen Tod seines Vaters nun mein bester Freund leitet.
Da gibt es ein Bewusstsein für die Verantwortung des Chefs, gegenüber seinen Mitarbeitenden, die oft von der Jugendzeit bis zur Übernahme des Unternehmens immer wieder auch thematisiert wurde.
Da gibt es oft einen gewissen „Ehrenkodex“, der weitergegeben wird:
Zum Beispiel, Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden, und Wertschätzung im Umgang mit den Mitarbeitenden, gegenseitiger Respekt vor den unterschiedlichen Gaben.
Ebenso zählt die Qualität der Arbeit oder auch Engagement für die Gemeinschaft.
Es sind Betriebe, bei denen ich gern Kunde oder Mitarbeitender wäre.

„Ganz der Vater“ oder auch „Ganz die Mutter“–
das kann dann eine Ehrenbezeichnung sein.

Man hat es geschafft, die Prinzipien des Vaters oder der Mutter zu verinnerlichen.
Oder aus der Sicht der Eltern, man hat es geschafft, seinen Kindern etwas mit auf den Weg zu geben, was einem selbst wichtig ist, und ihnen wichtig geworden ist.

Es ist dann mehr als eine Handlungsanweisung.
Es ist einem in Fleisch und Blut übergegangen.

Ja, manchmal ist es sogar zu einem Wesenszug geworden.

Sind Sie, ganz oder teilweise ihr Vater oder ihre Mutter?
Kann man erkennen, woher Sie kommen?
Wollen Sie, dass man erkennt, woher Sie kommen?
Welche Einstellungen, welche Vorstellung und Ideale, welche Grundsätze, prägen Sie? (Pause)

Die Frage ist nicht rhetorisch, es interessiert mich wirklich, und ich würde mich freuen, wenn sie nachher beim Kirchcaffee etwas Zeit hätten, dass wir darüber, oder über die Predigt ins Gespräch kommen können.

Unser heutiger Predigttext spricht solche Werte an. Er steht im Evangelium nach Lukas, Kapitel 6, die Verse 36 bis 42:

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?

40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Jesus spricht in seiner Rede einige Grundsätzeund Einstellungen an.

Ab Hier Moves und structures und der Keysentence „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

So schnell, wie wir über andere geurteilt haben, so urteilen auch andere über uns. Ein schneller Blick, eine kurze Einschätzung und schon haben wir oft unser Gegenüber beurteilt.

Wie z. B. den vermeintlichen Bettler der betrunken in der Bank liegt, über den viele Bankkunden einfach hinwegsteigen.

Einige werden sich daran noch erinnern, es war vor einigen Jahren recht groß in den Medien.
„Der ist doch bestimmt selbst Schuld an seiner Situation“, wird sich wohl der ein oder andere Bankkunde gedacht haben, und stieg hinüber.

Inzwischen wissen wir, das ging in mehrfacher Hinsicht so richtig schief.
Schon die Wahrnehmung war falsch. Der Mann war nicht betrunken.

Dort lag ein Mensch, der einen Schlaganfall erlitten hat. Der dringend Hilfe brauchte und so
nur eine Verurteilung bekam. Faktisch kam es so einem Todesurteil für ihn gleich.

Aber selbst wenn er „nur“ betrunken gewesen wäre, hätte er dennoch Hilfe verdient und gebraucht.
Selbst betrunken ist er noch Mensch.

Eine schnelle Verurteilung kann tödlich sein, zeigt das Beispiel.

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Oft meinen wir zu schnell zu wissen wer uns gegenübersteht, auf den ersten Blick ordnen
wir die Person ein: Mann – Frau, Alt- Jung, sympathisch – unsympathisch und von manchen Menschen hält man sich dann eben fern, weil es die anderen sind: die einem Fremd sind, weil sie anders aussehen, anders leben, oder weil sie einen schlechten Ruf haben…

Aber wie können wir anders leben?

Jesus hat es uns vorgemacht, wie es besser geht.
Wie es sich anfühlt, haben die Menschen erfahren, die ihn direkt erlebt haben.
Wie es sich anfühlt, erleben wir heute, wenn wir die Geschichten und Briefe des Neuen Testaments lesen.
Wie es sich anfühlt, erleben wir in der Gemeinschaft der Christinnen und Christen.
Wir erleben es dort, wo „Einer des anderen Last trägt“
Als ich noch um einiges jünger faszinierte mich eine Aktion.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren an einem kleinen Armband mit der Aufschrift „wwjd – what would jesus do“ erkennbar, zu deutsch: „Was würde Jesus tun?“.
Eine interessante Frage, eine schwere Frage, und für uns Christen eine Frage,
die wir uns oft stellen.

Wie schnell sind wir oft mit unserem Urteil, hart und wie endgültig.

Wie unbarmherzig, wenn andere so über uns urteilen würden, oder?

Was würde Jesus tun?

Er handelt und spricht

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

Selbsterkenntnis gehört zu einer Haltung dazu, die die eigenen Verhaltensweisen und Handlungen in einen größeren Zusammenhang stellen kann.
Selbsterkenntnis, dass man selbst ja auch Fehler hat und Fehler macht. Niemand ist perfekt.

Auch, oder vor allen, ich selbst nicht.

Wir alle sind auf Barmherzigkeit angewiesen,
auf die Gottes und auf die unserer Mitmenschen.

41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?

42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Selbsterkenntnis gehört dazu, um den eigenen Blick zu schärfen.
Zuerst die eigenen Fehler zu erkennen, bevor man die Fehler der anderen anspricht. Das ist wichtig, Fehler sollten angesprochen werden, aber Grundlage für solche Gespräche sollte auch dann immer das sein, was Jesus in seiner Rede hier allem voranstellt.

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Bonhoeffer schreibt dazu einmal sehr treffend

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Gottes Perspektive ist hier die Perspektive der Barmherzigkeit.
Er kennt unsere Fehler, er weiß, dass aus ihnen auch gutes erwachsen kann.

Wir können unser Leben nur vorwärts leben, verstehen es jedoch nur rückwärts.

Bereits durch diesen kleinen Perspektivwechsel bekommt vieles, was wir einst als Fehler sahen, eine andere Bedeutrung.

Gottes Perspektive ist hier noch ein größer und weiter.

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

„Ganz der Vater“ – das sagten die Menschen auch von Jesus.
Er zeigt die Barmherzigkeit Gottes:
Er verurteilte die Ehebrecherin nicht. Er sagte: Geh hin und sündige nicht mehr.
Er ruft zur Umkehr auf, anstatt zu verurteilen.
Heute würde man dies konstruktive Kritik nennen.
Hier ist es mehr.
Hier kann sie Grundlage für ein neues Leben sein, einen neuen Anfang mit Gott.
Gott lebt es vor.

„Ganz der Vater“ – das sagten die Menschen, als er den Gelähmten heilte, als er Lazarus zum Leben erweckte, als er bei Zachäus einkehrte, als er Wasser in Wein verwandelte, als er das Brot vermehrte.

„Ganz der Vater“ – in Jesus haben die Menschen Gott erkannt.

In Jesus ist Gott Menschen geworden,
trat in den direktesten Kontakt mit uns Menschen.
Er hat sich ganz auf uns eingelassen.
Er hat sich für uns in Leid und Tod ausgeliefert.

38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch messen.

Gott gibt sich, Gott gibt denen, die den Mut haben selbst zu geben.
Die den Mut aufbringen Barmherzigkeit zu geben.

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Ja, so ist Gott. Gott ist barmherzig und wir dürfen ihn Vater nennen.
Gott wendet sich den Menschen zu.
Gott gibt,
nicht nur unser täglich Brot,
sondern sogar sich selbst für uns.
Er heilt,
er verzeiht,
er stärkt die Schwachen,
er richtet die Niedergedrückten auf,
den Armen verhilft er zu ihrem Recht.
Das tat er damals, in Jesus Christus.
Das tut er aber auch heute noch.

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Das ist der Aufruf, es ist ihm gleich zu tun.


Ich bin überzeugt,

Gott ist mit den Ertrinkenden Menschen im Mittelmeer.
Gott ist mit bei denen, die Missbrauch im Namen oder im Umfeld des Glaubens erfahren haben.
Gott ist mit denen, die unter Verfolgung und Angst leiden.
Gott ist aber auch mit uns, wenn wir diesen Menschen helfen wollen.

Wir sollen es auch sein.

Er hat uns damit vorgelebt, was Barmherzigkeit heißt.
Er ruft uns damit zur Nachfolge auf,
an uns ist es nun zu folgen, was wir häufig bereits tun.

Denn weil Gott ein barmherziger Gott ist, Jesus Christus barmherzig war und ist, deshalb sollen auch wir barmherzig sein.

Kurzgefasst:
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Wenn wir ebenfalls so handeln, dann werden vielleicht die Menschen, die uns erleben auch sagen „Ganz der Vater“.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.