Andacht 27.2.2019 Besuchskreis

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen. Ich will das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. (Hesekiel 34,16)

Suchen und Be-suchen, beide Wörter sind miteinander verwandt. Aber obwohl sie beide das Wort Suchen enthalten sind sie doch auch grundlegend unterschiedlich. Suchen ist etwas alltägliches. Bei mir beginnt es schon morgens, wenn ich aufstehe und das erste was ich tue ist mich tastend auf die Suche nach meiner Brille machen, bevor ich aus dem Haus gehe suche ich dann meine Schlüssel und ab und zu suche, auf neudeutsch google, ich nach Dingen. Google wie ist das Wetter, google wie rechnet man Zoll in cm um. Oder für den Unterricht: google, wie war der Alltag in der Antike für Kinder. Ich hoffe im Internet zu finden, was mir im Kopf nur ungefähr vorliegt. Schon der Evangelist Matthäus sagt, wer suchet, der findet. An google hat er dabei bestimmt noch nicht gedacht. Er dachte eher in Schafen.
Wir tun das heute nicht mehr. Google kann das nicht!
Fragt man einen der vielen Sprachassistenten, wo denn das verlorene Schaf sei, sind die Antworten die darauf kommen, in der Regel wenig hilfreich.
Siri ist mit der Frage ebenfalls überfordert. Ebenso mit den folgenden Fragen:
Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? (Mt 18,12)

Eines von 99 Schafen ist nicht mehr bei der Herde. Was ist geschehen? Wurde es
ver-sucht, weil es weit ab der Herde Gras sah, das grüner schien. Ein altes Sprichwort geht in diese Richtung: Das Gras auf der anderen Seite des Zauns wirkt immer grüner.
Ist es verletzt, und konnte nicht mehr mithalten? Wurde es heim-gesucht von einer Krankheit?
Dazu sagt das Gleichnis nichts. Es scheint vollkommen egal zu sein, warum nun das Schaf nicht mehr bei seiner Herde ist. Egal, ob es nun selbst Schuld hatte, oder etwas anderes, z. B. ein lautes Geräusch, über das es sich erschrocken hat, dafür gesorgt hat, dass es sich verirrt hat und nun nicht mehr bei der Gruppe ist. Bleibt die Frage:
Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? (Mt 18,12)

Ist es nicht ein Wagnis, 99 Schafe zurückzulassen, um die ganze Gegend nach einem Schaf abzu-suchen? Ein ordentlich wirtschaftlich denkender Schäfer würde so etwas doch nicht tun. Die Antwort auf die Frage wäre dann „Nein, natürlich nicht“. Wieso sollte der Mann in dieser Geschichte, vermutlich Hirte, 99 Schafe alleine in den Bergen lassen, um ein Schaf zu suchen. Sind dann nicht 99 Schafe in Gefahr, anstatt nur 1? Zu viele Gefahren lauern auf die Schafe, ein Wolf könnte sie z. B. heim-suchen. Und dann, dann würde der Hirte alle seine 99 Schafe verlieren, sofern er das eine wiederfindet, aber auch das ist ja nicht sicher. Auch das verlorene Schaf könnte sich auf dem Weg verletzt haben, lebt es überhaupt noch? Wenn nicht, dann würde der Hirte alle seine Schafe verlieren. Hat es dann überhaupt einen Wert alles nach dem verlorenen Schaf abzu-suchen?
Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? (Mt 18,12)
Aus christlicher Tradition sind wir hier ein klares „ja“ gewöhnt. Für uns wirkt es heute fast selbstverständlich, dass der Mensch in der Geschichte dem verirrten Schaf nach-sucht. Er kehrt nicht eher zurück, bevor er es gefunden und gesund nach Hause zurückgebracht hat. Wir lesen die Geschichte als Gleichnis, dass uns von Gott erzählt. Gott kommt in die Welt, um die verlorenen Menschen zu finden. Ein Mensch ist nicht mehr Wert als alle anderen zusammen. Wenn Gott einen Menschen sucht stellt er keine Kosten-Nutzen Rechnung auf. Er stellt sich nicht die Frage ob sich das überhaupt lohne? Natürlich bleibt es ein Wagnis, sich auf die Suche nach dem Verlorenen zu machen, aber dieses Wagnis lohnt sich in jedem Fall. Gott sucht jeden Menschen in der Welt, Gott be-sucht uns, in unserer Geschichte und Gegenwart. Daher klingt Matthäus für uns anders:
Natürlich, auch wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und sich eins unter ihnen verirrt: dann lässt er die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte! (Mt 18,12)
Be-Suchen, wieder geht es im Suchen. Wir suchen einen Menschen in seinem Umfeld auf, wir tun dies in der Nachfolge Jesu Christi, der uns suchte und aufsuchte. Dennoch ist dies „Be-suchen“ auf den ersten Blick etwas anderes. Es ist ein Heim-Suchen, im positiven Sinne, wenn der Be-Suchte zu-hause ist. Aber kann man das Be-Suchen überhaupt mit dem Suchen verbinden? Sind es nicht vielmehr 2 Unterschietliche Dinge? Beim Suchen geht es darum das Ge-Suchte zu finden, es wieder zurückzubringen, dort wo es hingehört. Man verändert seinen Platz. Das gilt sowohl für den Suchenden, wie für das Gesuchte oder den Gesuchten. Beim Be-suchen ist das wohl seltener der Fall: es ist ein aufsuchen, ein Reden, vielleicht ein Kaffeetrinken, dann verabschiedet man sich und der Be-suchte, wie auch der Be-Sucher gehen jeder seinen Weg. Aber ist es wirklich so?

Ein Besuch verändert das Leben dessen der be-sucht wird, ebenso wie dessen, der be-sucht. So ist es mit unseren Be-suchen, die wir in der Nachfolge Christi tun. Sie verändern leben. Zurück zur Geschichte, eben so wenig wie wir erfahren, wie es dem Schaf ging, bevor es verloren, erfahren wir warum es verloren ging, noch wie es ihm danach ging. Wird es wieder verloren gehen? Wird es erneut gesucht und gefunden werden? Ähnlich ist es auch mit unseren Besuchen. Wir gehen ein Stück weit mit den Menschen, eine Zeit lang, was daraus erwächst, wissen wir nicht. Anders als Gott, der bei dem Gefundenen bleibt


Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, den wir nicht suchen müssen, weil er uns findet, bewahre unsere Herzen, in Jesus Christus.
Amen